Das Schisma 1054 gab es nicht


 

Zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche hat es „nie ein großes endgültiges Schisma“ und keine gegenseitige gültige kirchliche Verurteilung gegeben – und es sei auch keine offizielle große Spaltung vollzogen worden. Das betont der Grazer orthodoxe Theologe und stellvertretende Vorsitzende der Grazer Pro Oriente-Sektion, Prof. Grigorios Larentzakis. Es stimme auch nicht, dass das gemeinhin genannte Jahr 1054 für eine solche Bruchstelle herangezogen werden könne. 1054 war Kardinal Humbert von Silva Candida im Auftrag von Papst Leo IX. nach Konstantinopel gereist, um ein militärisches Bündnis gegen die Normannen zu schließen, was allerdings misslang. Unglückliche Umstände führten dann dazu, dass er den Patriarchen Michael Kerullarios exkommunizierte. Kurz darauf folgte die Gegenexkommunikation. Dies hat jedoch für die Gesamtkirche wenig bis keine Bedeutung gehabt. Zum einen hatte Humbert von Silva Candida am 16. Juli 1054 kein Recht und schon gar keinen Auftrag gehabt, die Bannbulle auf dem Altar der Hagia Sophia niederzulegen. „Diese Exkommunikation war also ungültig“, so Larentzakis. Zweitens habe sich die Bannbulle nur gegen den Patriarchen Michael Kerullarios und dessen Anhang, nicht aber gegen den byzantinischen Kaiser oder gegen die ganze östliche Kirche gerichtet. Drittens: Auch der Patriarch exkommunizierte nicht die ganze abendländische Kirche, sondern nur Kardinal Humbert und seine Hintermänner. Larentzakis verweist auf Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI., der in einer Arbeit darlegte, dass Kardinal Humbert in der gleichen Bulle, mit der er den Patriarchen exkommunizierte, zugleich Kaiser und Bürger von Konstantinopel als sehr christlich und rechtgläubig bezeichnete. Mit Sicherheit könne also festgehalten werden, dass die Exkommunikation nicht der Gesamtkirche des Ostens gegolten habe. Auch die Replik von Patriarch Kerullarios fiel ähnlich aus: Am 24. Juli 1054 exkommunizierte eine Synode unter dem Patriarchen den Kardinal Humbert und alle, die mit dessen Vorgehen einverstanden waren. Larentzakis: „Es blieb bei dieser persönlichen Verurteilung; weder der Papst noch die westliche Kirche als ganze wurden verurteilt.“ Weder im Osten noch im Westen sei damals die Überzeugung gewesen, dass durch die besagten Exkommunikationen ein endgültiges großes Schisma zwischen Ost- und Westkirche entstanden sei. Diese Fakten waren den Kirchenverantwortlichen in Ost und West durchaus bekannt. So wurden folgerichtig am 7. Dezember 1965 beim gemeinsamen ökumenischen Akt in Rom und Konstantinopel die Exkommunikationen aus dem Jahre 1054 wörtlich „aus der Mitte und dem Gedächtnis der Kirche entfernt“. Die Exkommunikationen wurden nicht aufgehoben, weil es nichts aufzuheben gab. Ein großer Entfremdungsprozess zwischen Ost und West war damals die Folge, so Larentzakis. Dieser habe jedoch bereits lange vor 1054 eingesetzt. Nachdem also 1054 als Datum für die Kirchenspaltung von Ost und West nicht taugt, stellt sich die Frage, wann denn – wenn überhaupt – dieses Schisma vollzogen wurde. Laut Prof. Larentzakis lässt sich ein solches „zwingendes und endgültiges Datum für das radikale große Schisma zwischen Ost- und Westkirche – vorher volle Kirchengemeinschaft, nachher absolut keine Kirchengemeinschaft“ – nicht finden. Freilich habe es immer wieder Ereignisse und Entwicklungen gegeben, die die Entfremdung weiter vorantrieben. Larentzakis nennt in diesem Zusammenhang etwa die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204. Aber auch damals bzw. in den Jahrzehnten danach habe nicht das Gefühl vorgeherrscht, dass es sich bei der West- und Ostkirche um zwei völlig getrennte Kirchen handelte. Die Gültigkeit der Sakramente im Osten wurde von den Lateinern nicht infrage gestellt, die orthodoxen Kleriker blieben im Amt, teils versahen auch lateinische Kleriker in orthodoxen Gemeinden ihren Dienst, auf einigen griechischen Inseln auch noch Jahrhunderte nach dem vierten Kreuzzug von 1204. Orthodoxe nahmen andererseits auch an lateinischen Festen teil, lateinische und griechische Geistliche beteten und feierten gemeinsam. Liturgisch interessant sei zudem, dass zumindest bis ins 13. Jahrhundert in westlichen Liturgien orthodoxe griechische Hymnen gesungen wurden. Mischehen zwischen Lateinern und Orthodoxen waren stets erlaubt und wurden auch praktiziert. Eine verfestigte Entfremdung macht Larentzakis erst für das 16. Jahrhundert aus: Mitte dieses Jahrhunderts begann Rom die Theorie der Unterwerfung der „Schismatischen Kirchen des Ostens“ unter der Kirche von Rom umzusetzen. Allmählich sei die Theorie der ekklesiologischen und soteriologischen Exklusivität der römisch-katholischen Kirche entwickelt und praktiziert worden, wonach es für die Christen nach Gottes heiligem Willen unabdingbar für ihr Heil sei, unter der Obhut des obersten Hirten von Rom, des Nachfolgers Petri, zu stehen. 1622 wurde daher die Congregatio de Propaganda Fidei gegründet, mit dem Auftrag, im Osten Mission zu betreiben, um die Abgefallenen in die wahre Kirche zurückzuholen. Trotzdem gab es orthodoxerseits stets Positionen, die das Kirche-Sein der römisch-katholischen Kirche und deren Sakramente anerkannten. Larentzakis erinnerte in diesem Zusammenhang auch daran, dass im Jahre 1969 die Synode des russisch-orthodoxen Patriarchates die sakramentale Gemeinschaft mit den Katholiken erlaubte (was sie später wieder zurückgenommen hat). Auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) spreche von der Gültigkeit der Sakramente in der Orthodoxen Kirche und empfehle sogar in bestimmten Fällen die Praktizierung der sakramentalen Gemeinschaft. So gibt es weder auf orthodoxer noch römisch-katholischer Seite ein Datum oder ein Dokument, mit dem ein vollständiges Schisma belegt werden könnte, resümierte Prof. Larentzakis, u. a. Mitglied verschiedener internationaler ökumenischer Kommissionen und Gremien der „Konferenz Europäischer Kirchen“ (CEC): „Wir gehören alle zu einer Kirche, bei allen Problemen.“ Ziel müsse die „Wiederherstellung der vollen kirchlichen und sakramentalen Gemeinschaft unserer christlichen Kirchen sein“. (pro oriente u. vn v. 5. 4.)